Wie viele wissen schon genau, wo sie herkommen und wo ihre Wurzeln liegen? Die Zahl kann ich nicht nennen, aber Erfahrungen haben gezeigt, dass es mehr sind, als jene, die nicht wissen, woher sie kommen und wo ihre Wurzeln liegen. Manche gar nicht und manche nur zu einem Teil. Diese Kinder nennt man auch Kuckuckskinder.

 

 

 

 

 

 

 

Auch in der Natur ein nicht unbekanntes Phänomen, seine Brut anderen unterzuschieben und sich aus dem Staub zu machen oder sich in Schweigen zu hüllen.

Ich habe keine Ahnung, wie sich ein echter Kuckuck fühlt, in dem nicht für ihn gebauten Nest. Vielleicht hat er die fragwürdige Gabe es nicht zu realisieren, wer weiß das schon?

Unter uns Menschen ist es auch nicht schmeichelhaft, ein Kuckuckskind zu sein, frau spürt es schon als Kind, ahnt etwas, hört das Getuschel hinter der vorgehaltenen Hand, frau ist ja auch nicht blind, sehen die anderen Geschwister sich alle doch so enorm ähnlich. "Du kommst halt nach deiner Ur-Ur-Großmutter", und keiner hat mehr ein Bild von ihr, nicht im Album und nicht im Herzen, keine wirkliche Erinnerung, in der werde ich ersetzt, Stellvertreter mit all den schlechten Päckchen, wie sie war, bin ich doch selber schuld, dass ich mir die Lügen aufladen lasse.

Schreien hätte ich sollen, bohren, die Wahrheit verlangen, insistieren, solange bis die Mutter den erlösenden Namen genannt hätte: "dein Vater heißt: .................................
Stattdessen die Adoption durch den Mann, dem sie mich untergeschoben hatte. Nun war ich legal und trotzdem so egal wie vorher.

Einmaliges zaghaftes Nachfragen meinerseits brachte sie in Rage, hatte Prügel zur Folge - und abgrundtiefe Ablehnung. In der Zeit, als ich anfing mich für Jungs zu interessieren, immer die Warnung: "Halt dich von den Engländern weg! Und überhaupt, Männer sind alle Schweine!"

Zeitsprung: 1998, Tod meiner Eltern, die Haushaltsauflösung stand an und meine jüngere Halbschwester und ich stießen auf eine verschlossene Kassette, die unsere besondere Aufmerksamkeit auf sich zog. Inhalt: Beweise der mütterlichen Gesinnung während des 3. Reiches, Familienurkunden aus ihrer ersten Ehe und ein Foto von ihr mit einem britischen Soldaten, etwa Sommer/Herbst 1949 in Berlin Gatow. Das kleine 5 x 5 cm "dimensionierte" Schwarz-Weiß-Foto, ließ einen fast 2 m langen schlanken Mann in sandfarbener Uniform erkennen, auf dem Kopf ein Schiffchen, sich liebevoll zu meiner Mutter hinuntergeneigt. Sie standen beide vor einem Kriegerdenkmal und da ich die Größe meiner Mutter mit 8 cm hohen Pumps kannte, reichte sie ihm bis unter die Achsel.

Mein Körper wurde von einem Blitz durchzogen und ich sagte zu meiner Schwester: "Das ist MEIN Vater!" Eine Hoffnung keimte auf, Mutter hätte Namen und Rang auf der Rückseite notiert, leider ein Trugschluss. Ich zerriss das Bild, versunken in Hoffnungslosigkeit.
Sie hat ihr Geheimnis mit ins Grab genommen.
In mir hat es von jenem Zeitpunkt an nie aufgehört zu nagen. Betrogen habe ich mich gefühlt und versucht Auswege zu finden. Familientherapie und die Ausbildung zur Familientherapeutin, Mediatorin und Hypnosetherapeutin haben mir Frieden gebracht, aber immer noch nicht das, was ich mir am sehnlichsten gewünscht habe - angekommen zu sein, bei dem Mann der mein leiblicher Vater ist.

Heute wundere ich mich nicht mehr, warum ich so anglophil angehaucht bin, diese Landschaft und Architektur liebe und das Gefühl hatte, ich komme nach Hause, als ich das erste Mal in England war. 50 % meiner Gene sind britisch, und die müssen sehr stark sein, geradezu hartnäckig suche ich weiter und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass mein Vater 1949 mit den Royal Welsh Fusiliers nach Berlin Gatow gekommen sein muss. Er wurde meinen Grosseltern mütterlicherseits, Anna Hedderich sowie Kurt und Ulla Hedderich, an der Liebenwalderstraße in Berlin Wedding vorgestellt und er wusste, dass ich, Jane Krull, geb. Hedderich, unterwegs war. Ich schätze den Zeitpunkt meiner Zeugung auf September 1950. Geboren wurde ich am 27. Juni 1951. Bis zum Frühjahr 1952 wohnte ich mit meiner Mutter in Berlin-Gatow, Kladower Damm 145.

Meine Mutter hieß Marga Brückner (geb. Hedderich, *23. Juli 1922), wurde jedoch Marion genannt, und arbeitete als Telefonistin im Hospital in Gatow. Sie lebte damals im Restaurant Knuperhäuschen, Wirtin war Cläre Bleekman, genannt: Tante Melitta. Meine Hoffnung ist, dass sich Kameraden meines Vaters an ihn erinnern, eventuell die beiden zusammen gesehen haben, das wäre ja nicht ungewöhnlich unter Kameraden mit den Mädels tanzen zu gehen. Deshalb füge ich hier zwei Bilder von meiner Mutter und mir ein; im linken Bild Juli 1951 bin ich vier Wochen alt und im rechten Bild im Juni 1953 zwei Jahre.

 

Vielleicht suchst du mich ja auch, Vater. Ich kann dir versichern, du müsstest dich nicht schämen für deine Tochter, ich suche dich vorbehaltlos und ohne Hintergedanken. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern die Liebe ist alles.

 

Persona non grata

Als ich ein Kind war,
gab es Schläge,
wenn ich sagte: Ich will.

Du hast gar nichts zu wollen,
wurde ich angeschrien,
du hast zu möchten,
du hast gefälligst zu bitten,
und wenn du das nett machst . . .
aber wollen,
nein, nun schon überhaupt nicht mehr,
geh in dein Zimmer und denke darüber nach.

Was glaubst du wer du bist,
und ich antwortete mit meinem Namen,
voller Stolz.

Da setzte es wieder Schläge.
Warum, weil ich stolz war?
Bück dich,
mach den Rücken krumm,
gewöhn dich beizeiten daran,
deine Rolle zu spielen.
Nein.

In meinem Leben hatte ich meine Pflichten zu erfüllen,
einseitig,
abhängig,
mit schmückenden Gedanken,
mit Witz und Charme.
Gefragt war wieder nur die Rolle,
nicht ich.
ICH unerwünscht.

Ich will nicht mehr spielen,
keine Rolle, kein Gesellschaftsspiel,
will leben, das Einzige, das ich habe,
will lieben, einzigartig, wie ich es erlebe
will teilen,
geben,
nehmen,
wahrgenommen werden als gleichberechtigter Partner.
Endlich keine Angst mehr,
endlich herbeigewünscht,
endlich frei,
endlich Ich.